Stellungnahme des Kanuverbandes Württemberg (KVW) zur WRRL
Stellungnahme des Kanuverbandes Württemberg (KVW) zu den Bewirtschaftungsplanungen im Rahmen der Umsetzung der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie
Mit den nachfolgenden Ausführungen gibt der Kanuverband Württemberg (KVW) eine zusammengefasste Darstellung der im Verbandsgebiet relevanten Kanusport-Disziplinen und eine Beschreibung der Anforderungen aus kanusportlicher Sicht an Gewässern.
Diese Darstellung soll den zuständigen Stellen eine Hilfe bei der Entwicklung von Maßnahmen im Rahmen der Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) bieten, um die berechtigten Interessen des Kanusports frühzeitig zu erkennen und zu berücksichtigen.
Ausdrücklich wird darauf hingewiesen, dass diese Darstellung keine lokalen Besonderheiten berücksichtigen kann. Die für die Umsetzung der WRRL zuständigen Stellen werden daher gebeten, bei auftretenden Rückfragen unmittelbar den KVW zu kontaktieren.
Grundsätzlich ist anzumerken, dass der KVW die Bemühungen aller Beteiligten zur Verbesserung der Gewässerqualität ausdrücklich unterstützt. Zu berücksichtigen ist dabei, dass die Erholungsfunktion der Gewässer von besonderer Bedeutung ist. Deshalb machen wir darauf aufmerksam, dass die Realisierung einzelner Maßnahmen so erfolgen muss, dass die Ausübung des natur- und landschaftsverträglichen Kanusports auch zukünftig möglich bleibt. Zur Definition des natur- und landschaftsverträglichen Kanusports verweisen wir auf die Definition des Deutschen Kanu-Verbandes (DKV)
Der KVW fordert dazu auf, dass er zukünftig bei allen Maßnahmen an Gewässern, die die Ausübung des Kanusports in der nachfolgend beschriebenen Art und Weise konkret beeinträchtigen oder beeinträchtigen können, als unmittelbar Betroffener frühzeitig und direkt eingebunden wird, um so einen frühzeitigen Interessenausgleich zwischen des Kanusports und anderen Belangen, z.B. des Naturschutzes, sicherzustellen.
I. Darstellung der Kanusport-Disziplinen
Kanusport wird von Individualsportlern und Mannschaftssportlern in vielen verschiedenen Disziplinen ausgeübt, sowohl als Freizeitsport als auch als Wettkampfsport. Kanusport kann von früher Kindheit bis in das hohe Alter betrieben werden. Die aktive Sportausübung sowie die Teilnahme an Veranstaltungen der Vereine bilden wichtige Erfahrungs- und Erlebnisbereiche der Kanusportlerinnen und -sportler. Hierdurch werden Wertvorstellungen vermittelt, die für ein funktionierendes Gemeinwohl unerlässlich sind. Mit der Einbindung sowohl älterer als auch jüngerer Kanusportlerinnen und -sportler aller Gesellschaftsschichten erhält insbesondere die Vereinsarbeit eine wichtige soziale Bedeutung. Im KVW sind aktuell 47 Kanu-Vereine bzw. Kanu-Abteilungen von Sportvereinen mit rund 5000 Einzelpersonen organisiert. Gerade die Kanu-Vereine tragen durch umfangreiche Maßnahmen zur Förderung eines natur- und landschaftsverträglichen Kanusports bei und sind wichtiger Bestandteil der gemeinnützigen bürgerschaftlichen Arbeit in Baden-Württemberg.
- Freizeitsport
Der größte Teil der Kanusportlerinnen und -sportler im KVW betreibt Kanusport als Freizeitsport. Durch den direkten Kontakt mit der Natur wird das Naturverständnis gefördert. Die Möglichkeit, die Natur unmittelbar erfahren zu können, sensibilisiert für die Schönheiten und Gefährdungen der Natur und legt eine wichtige Basis für umweltbewusstes Verhalten. Gleichzeitig wird mit der Sportausübung in der Gruppe das Sozialverhalten weiterentwickelt.Zum Freizeitsport zählen insbesondere:
Kanu-Wandersport
Kanu-Wandersport wird überwiegend in Kleingruppen oder von Einzelpersonen betrieben. Die Tagestouren betragen je nach Art des Gewässers zwischen 10 und 30 km. Es werden auch durchgehende Befahrungen über mehrere Tage hinweg unternommen. Bei bestimmten Freizeitsportveranstaltungen können die Tagesstrecken deutlich länger sein und mehr als 100 km betragen.Wildwasser-Freizeitsport
Beim Wildwasser-Freizeitsport steht neben dem Naturerlebnis das Kräftemessen mit der Natur im Vordergrund. Bei Wildwasserfahrten ergeben die Strömungsgeschwindigkeit des Wassers und verschiedene natürliche Hindernisse den sportlichen Anreiz. Die Wildwasserstrecken werden in Schwierigkeitsgrade von I (leicht) bis VI (extrem schwierig) eingeteilt. Die Mehrzahl der Wildwasserfahrer fährt auf Gewässern mit einem Schwierigkeitsgrad bis zur Stufe III; geübte und erfahrene Kanufahrer können auch Gewässer mit dem Wildwasserschwierigkeitsgrad IV befahren. Nur Spezialisten unternehmen Befahrungen von Gewässern mit höheren Schwierigkeitsgraden.Übriger Freizeitsport
Auch einige der nachfolgend als Wettkampfsport beschriebenen Kanu-Disziplinen werden in freizeitsportlichen Angebotsformen ausgeübt. Auf eine ausdrückliche Erwähnung wird an dieser Stelle verzichtet. -
Wettkampfsport
Kanu-Rennsport
Beim Kanu-Rennsport werden Strecken zwischen 200 und 10.000 m in möglichst kurzer Zeit zurückgelegt. Die olympischen Disziplinen werden auf Streckenlängen von 500 bzw. 1.000 m ausgefahren. Kanu-Rennsportveranstaltungen werden auf speziellen Regattabahnen oder geeigneten Seen oder Gewässern ohne Strömung durchgeführt.Kanu-Slalom
Kanu-Slalom ist die zweite olympische Sportart. Hier muss in möglichst kurzer Zeit ohne Berührung von ausgehängten Torstangen eine festgelegte Strecke zurückgelegt werden. Kanu-Slalom wird auf speziellen künstlichen Kanälen oder Flüssen mit vorzugsweise starker Strömung ausgeübt, wobei die Wettkampfstrecken bis zu 600 m lang sind.Kanu-Marathonrennsport
Beim Kanu-Marathonrennsport gilt es in möglichst kurzer Zeit Strecken zwischen 25 und 42 km zurückzulegen. Eine Besonderheit liegt darin, dass die Strecken durch Portagen über Land unterbrochen werden.Kanu-Wildwasserrennsport
Beim Kanu-Wildwasserrennsport werden Strecken bis zu 7 km auf stark strömenden Flüssen mit Hindernissen in möglichst kurzer Zeit zurückgelegt.Kanu-Segeln
Beim Kanu-Segeln werden dem Segelsport ähnliche Regatten auf stehenden Gewässern durchgeführt.Kanu-Polo
Kanu-Polo ist ein Mannschaftssport. Auf im Wasser abgesteckten Feldern spielen 2 Mannschaften gegeneinander und versuchen, einen Ball in das gegnerische, in etwa 2 m Höhe aufgehängte Tor zu werfen.Kanu-Freestyle
Kanu-Freestyle ist eine besondere Art des Wildwassersports. Hier wird versucht, in strömendem Wasser bestimmte akrobatische Figuren zu zeigen. Die Wettkampfstrecken beschränken sich auf kurze Flussabschnitte.Kanu-Drachenbootsport
Kanu-Drachenbootsport ist eine spezielle Form der Canadiertechnik. Lange Boote, in denen 20 und mehr Wettkämpfer Platz finden, werden mit Stechpaddeln fortbewegt. International übliche Wettkampfstrecken haben gerade Bahnen von 200 m und 500 m Länge und sind meistens durch Bojen markiert. Rennen über 2.000 m werden üblicherweise als Verfolgungsrennen auf einem Rundkurs ausgefahren. Kanu-Drachenbootsport wird auf den gleichen Gewässern wie Kanu-Rennsport durchgeführt.
II. Bedeutung der Gewässer für den Kanusport
Gewässer sind die existentielle Grundlage für jede Form des Kanusports. Gebirgsbäche, Wiesenflüsse, Ströme und Seen gehören zu den verschiedenen Gewässertypen, die vom Kanusport in Baden-Württemberg genutzt werden.
Die Bedeutung der Gewässer für Kanufahrer ist sehr unterschiedlich.
- Kriterien für die kanusportliche Bedeutung von Gewässern
Im Folgenden werden die wesentlichen Kriterien dargestellt, anhand derer sich ermitteln lässt, ob ein Gewässer für Kanufahrer eine große oder eine eher geringe Bedeutung hat.
Gewässerbreite und Wasserstand
Gewässer müssen eine ausreichende Breite und Tiefe für eine Befahrung aufweisen.
Für erfahrene Kanuten reicht eine durchschnittliche Wassertiefe von ca. 30 cm. Für eine Vielzahl der Gewässer im Verbandsgebiet gibt es Angaben zu Pegelständen an bestehenden Pegeln, die eine Befahrung ermöglichen. Diese Pegel können i.d.R. tagesaktuell abgerufen werden.
Zur Gewässerbreite ist anzumerken, dass Gewässer so breit sein sollten, dass Boote ohne Uferberührung wenden können bzw. der Paddelvorgang ohne Uferberührung möglich ist.Gewässergüte
Auf sauberen Gewässern ist der Erholungs- und Erlebniswert einer Kanufahrt erheblich größer als auf verschmutztem Wasser. Auch die Möglichkeit der Naturbeobachtung ist erheblich besser, wenn Kanutinnen und Kanuten Einzelheiten unter der Wasseroberfläche erkennen können. Auf stärker verschmutzten Gewässern sind gesundheitliche Risiken für die Kanufahrer nicht auszuschließen. Je besser die Gewässergüte ist, umso höher ist daher die Bedeutung des Gewässers für den Kanusport.Gewässermorphologie und Uferbeschaffenheit
Kanufahrer bevorzugen Gewässer, die dem natürlichen Zustand möglichst nahekommen, mit abwechslungsreichen Uferformen, wechselnden Strömungsverhältnissen und natürlicher Ufervegetation. Die Attraktivität sinkt mit dem Grad der Verbauung des Gewässers, der Begradigung der Uferböschungen, der Eindämmung, der Ausräumung und der Beeinträchtigung des Uferbewuchses durch landwirtschaftliche Nutzung bis an die Uferböschung.Durchgängige Befahrbarkeit
Bei Wanderfahrten werden in der Regel Strecken zwischen 10 und 30 km am Tag zurückgelegt. Diese Strecken können durch die Befahrung mehrerer kleiner, miteinander verbundener Gewässer erreicht werden, oder aber - insbesondere für mehrtägige Wanderfahrten - durch die Befahrung größerer, entsprechend langer Gewässer. Gewässer mit durchgängiger Befahrbarkeit werden von Kanutinnen und Kanuten bevorzugt. Dagegen erschweren natürliche oder künstliche Hindernisse (wie querliegende Baumstämme, zu niedrige Brücken und Stege oder unbefahrbare Wehre) sowie Strecken mit Wasserableitungen die Befahrungen und setzen dadurch die Bedeutung eines Gewässers für den Kanusport herab. Kleine Wehre sind bei geeigneter Gestaltung befahrbar, auch große Wehre können durch Bootsgassen oder Bootsschleusen passierbar sein.
Zur Überwindung der Querbauwerke hat der Deutsche Kanuverband (DKV) Empfehlungen erarbeit, die kostenlos auf der Homepage des DKV als Download erhältlich sind
Natürliche Hindernisse wie Felsen oder Steinstufen in frei fließenden Gewässern werden nicht als störend angesehen, da hierdurch der sportliche Reiz der Befahrung vergrößert wird.An dieser Stelle fordert der KVW, bei wasserbaulichen Maßnahmen, die die Errichtung oder Veränderung von Querbauwerken betreffen, sehr frühzeitig eingebunden zu werden. Ziel dieser frühzeitigen Beteiligung muss es sein, dass bei wasserbaulichen Maßnahmen die Passierbarkeit mit Kanus sichergestellt wird! Die frühzeitige Beteiligung des KVW stellt eine sachgerechte Umsetzung sicher.
Sportliche Anforderungen
Je nach Art der kanusportlichen Betätigung stellen die sportlichen Anforderungen ein weiteres Kriterium für die Bedeutung eines Gewässers dar. Fließgeschwindigkeit, Kurven im Gewässerverlauf und natürliche Hindernisse wie überhängende Äste oder Felsen im Gewässer bestimmen wesentlich die Anforderungen an die Bootsbeherrschung und somit auch die Eignung eines Gewässers für Anfänger und Ungeübte auf der einen Seite und für Fortgeschrittene und Wildwasserfahrer auf der anderen Seite.Wohnortnähe und Lage der Bootshäuser
Aus der Entfernung des Gewässers zum Wohnort ergibt sich ein weiteres Kriterium. Je näher das Gewässer am Wohnort liegt, umso höher ist seine Bedeutung. Hierbei sind insbesondere Gewässer im Umfeld von Ballungsgebieten zu berücksichtigen. Eine hohe lokale Bedeutung haben Gewässer, an denen ein Bootshaus eines Kanuvereines liegt. Ein wesentlicher Anteil der Sportausübung der Mitglieder des Vereins findet auf dem “Hausgewässer” direkt vom Bootshaus aus statt, dies gilt in besonderem Maße für die Jugendarbeit. -
Beschreibung der Kanugewässer
Die im Verbandsgebiet des KVW kanusportlich genutzten Gewässer werden im Deutschen Flusswanderbuch sowie dem Kanuführer Württemberg beschrieben. Er enthält ausführliche Informationen über die im vorhergehenden Kapitel beschriebenen Kriterien (der Kanuführer Württemberg ist bei Bedarf beim KVW erhältlich).
Neben den darin beschriebenen Gewässern gibt es einige wenige Gewässer, die die Kriterien für eine kanusportliche Nutzung sehr selten erfüllen (z.B. nur nach starken Regenfällen); auf deren Beschreibung wird deshalb in den Gewässerführern verzichtet.
III. Zusammenfassung
Eine Vielzahl von Gewässern in Württemberg ist auf Basis der obigen Beschreibungen als kanusportlich nutzbar einzustufen und damit für die im KVW organisierten Kanutinnen und Kanuten von besonderer Bedeutung. Der KVW plädiert daher dafür, alle Maßnahmen an diesen Gewässern, die zu einer Verschlechterung der Ausübung des Kanusports führen können, frühzeitig mit dem KVW auf ihre zwingende Notwendigkeit hin abzuklären. Dies betrifft in erster Linie wasserbauliche Maßnahmen, aber auch die geplante Einrichtung weiterer Schutzgebiete, wenn dadurch eine Befahrungsregelung verbunden ist.
Peter Ludwig
Präsident des KVW

